Ein Essay über KI-Kunst, alte Sorgen, neue Werkzeuge, die wunderbare Ironie menschlicher Kreativität und die Angst vor KI.
Wenn Kunst Angst bekommt
Die Diskussion über KI-Kunst läuft immer wieder auf dieselben Anschuldigungen hinaus:
- Das ist nur ein Knopfdruck.
- Damit muss man nichts können.
- KI wurde mit gestohlener Kunst trainiert.
- Das entwertet echte Kunst.
- Wer ist denn hier der Künstler?
- Das ist keine Musik, das ist Fake.
Diese Sätze klingen wie Vorwürfe – doch sie sind vor allem Ausdruck von Unsicherheit. Die Sorge, dass das eigene Können entwertet werden könnte, ist zutiefst menschlich.
Doch KI ersetzt keine Kreativität. Sie verstärkt sie. Oder sie zeigt, wenn gar keine da ist.
Werkzeuge verändern, wer wir sein können
KI ist kein magisches Orakel, sondern Mathematik. Ein Werkzeug. Modelle kombinieren, abstrahieren und erzeugen – aber niemals aus dem Nichts. Der Mensch dahinter entscheidet, was entsteht.
Früher schnitt man mit dem Fuchsschwanz. Heute mit der Säbelsäge.
Werkzeuge ändern sich. Die Idee dahinter bleibt menschlich.
Wenn Neues Altes ablöst
Entwicklung bedeutet Wandel – und Wandel bedeutet, dass manches ausstirbt oder sich verwandelt.
- Punzieren als alltägliches Handwerk
- Böttcher, die hölzerne Fässer fertigten
Diese Berufe existieren heute kaum noch. Nicht weil sie schlecht waren, sondern weil neue Werkzeuge effizienter wurden. Das Alte wurde zur Tradition.
Ein ähnlich schräges Beispiel aus der modernen Kunstwelt ist Maurizio Cattelans Werk „Comedian“ – eine echte Banane, die mit Klebeband an eine Wand geklebt wurde und für sechs- bis siebenstellige Summen gehandelt wurde (Bericht dazu). Wichtiger als das Objekt selbst war die Diskussion darüber, was Kunst „wert“ ist – genau wie heute bei KI-Bildern.
Genauso passierte es im Internet: früher schrieb man HTML per Hand, heute nutzt jeder WordPress. Auch das war ein Schock. Auch damals kritisierte man Baukästen, CMS, Automatisierung. Und doch: Sie machten das Netz zugänglicher.
Das Muster wiederholt sich ständig:
- Das Radio sollte die Zeitung töten.
- Das Fernsehen sollte das Radio töten.
- Das Smartphone sollte alles zerstören.
Menschen haben grundsätzlich Angst vor dem Neuen und aktuell ist das die Angst vor KI.
Musik entsteht längst digital – und niemand regt sich darüber auf
Ein oft übersehener Punkt in der KI-Debatte: Musik wird seit Jahren digital produziert, ohne dass ein einziges echtes Instrument den Raum berührt.
Große Studios arbeiten heute fast ausschließlich mit:
- virtuellen Instrumenten
- Sample-Libraries
- MIDI-Controllern
- digitalen Drumkits
- automatisierten Mixing-Tools
- DAWs, die Sounds künstlich erzeugen
Professionelle Musikproduktion findet längst überwiegend in Digital Audio Workstations wie Pro Tools, Logic oder Ableton Live statt (z. B. hier beschrieben).
- virtuellen Instrumenten
- Sample-Libraries
- MIDI-Controllern
- digitalen Drumkits
- automatisierten Mixing-Tools
- DAWs, die Sounds künstlich erzeugen
Kein Mensch ruft: „Das ist keine echte Musik!“, wenn ein Chart-Hit komplett im Rechner entsteht. Sogar Live-Auftritte großer Künstler bestehen heute aus Playback-Spuren, Vocal-Prozessoren und Auto-Tune, ohne dass jemand ihnen Kreativität abspricht.
Warum also entsteht diese Wut nur bei KI?
Vielleicht, weil KI das digitale Werkzeug sichtbar macht – und manche lieber denken würden, alles sei noch analog und „handgemacht“.
Werkzeug, das ich selbst für digitale Musik nutze: Behringer X-TOUCH ONE* – perfektes Tool für Mixing und DAW-Steuerung
Der Beatles-Moment: Als KI plötzlich okay war
Ein besonders aufschlussreicher Fall ist die Veröffentlichung des letzten Beatles-Songs „Now and Then“. „Now and Then“ (2023).
Der Song entstand aus einer alten John-Lennon-Demo, deren Tonqualität so schlecht war, dass sie jahrzehntelang nicht nutzbar war. Erst ein spezialisiertes, maschinelles Audio-Restaurationssystem (MAL) konnte Lennons Stimme sauber aus dem Bandmaterial extrahieren (Hintergrundartikel dazu). Erst ein KI-basiertes Audio-Tool konnte Lennons Stimme sauber aus dem Material extrahieren. Der Rest wurde anschließend von Paul McCartney und Ringo Starr neu eingespielt.
Das Interessante daran:
Es gab keinen Aufschrei.
Keine Proteste. Keine „Das ist keine echte Musik!“–Debatten. Keine Kulturpanik.
Warum?
Vermutlich, weil der Name Beatles groß genug ist, um Innovation automatisch als „kreative Magie“ zu framen – nicht als Bedrohung.
Die KI war in diesem Fall:
- Werkzeug
- Restaurator
- Möglichmacher
- Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Paul McCartney beschrieb die Arbeit an der KI-basierten Stimme so:
„Es war irgendwie magisch … als wäre John im Raum nebenan.“
Niemand nannte das Diebstahl.
Niemand bezeichnete es als Fake.
Niemand zweifelte den Wert an.
Ein KI-Werk war akzeptiert, weil der „richtige“ Name drüberstand.
Wie viel Angst bleibt übrig, wenn man den Absender weglässt und nur das Ergebnis betrachtet?
KI ist kein Knöpfchendrücken
Ein häufiger Vorwurf lautet, KI-Kunst sei „zu einfach“. Doch jeder, der je einen komplexen Workflow in ComfyUI gesehen hat, weiß: Das ist ungefähr so simpel wie ein Flugzeugcockpit.

„Wenn du glaubst, es sei nur Knöpfchendrücken – versuch es selbst.“
KI ist ein Werkzeug, kein Zaubertrick. Gute Ergebnisse entstehen durch Wissen, Erfahrung und Intention.
Zwei Werke – zwei Werkzeuge: traditionell vs. KI
Um den Unterschied greifbar zu machen, hier zwei eigene Arbeiten, beide von mir – aber mit völlig verschiedenen Werkzeugen erstellt.
Traditionelles Artwork (Clip Studio Paint)
Dramarck der deutsche Drache hortet Öl, Mehl und Klopapier – eine humorvolle Anspielung auf die Corona-Zeit.

Gezeichnet habe ich Ihn auf einem XP-PEN Artist 24 Pro-Grafiktablet (bezahlter Link) für digitales Zeichnen.
KI-generiertes Artwork (ComfyUI)
Zerumi – mein semi-realistic KI-Avatar, erstellt mit ComfyUI.

ComfyUI braucht eine starke Grafikkarte, ich nutze dafür eine Gigabyte GeForce RTX 5070 Ti Eagle*.
Diese beiden Bilder zeigen das Wesentliche: Es ist nicht das Werkzeug, das Kreativität ausmacht – sondern der Mensch dahinter.
KI-Kunst findet kaum Räume – während alles andere überall Platz hat
Es gibt heute fast keine Plattformen mehr, die KI-Kunst willkommen heißen. Nicht nur toleriert – wirklich willkommen.
Viele Orte blockieren KI kategorisch:
- große Art-Communities
- Furry-Portale
- Foren
- klassische Künstlerseiten
- manche sozialen Netzwerke
- verschiedene Galerien
Währenddessen kann ein digitales Paint-Gekritzel viral gehen – aber eine sorgfältige KI-Arbeit wird gelöscht, markiert oder misstrauisch beäugt.
Die kulturelle Schieflage könnte kaum größer sein.
Der herrlich absurde Fall: Ein echtes Foto gewinnt einen KI-Wettbewerb
2024 reichte der Fotograf Miles Astray ein echtes Foto bei einem KI-Wettbewerb ein: ein Flamingo, dessen Kopf zufällig hinter dem Körper verschwunden war (Story dazu).
Das Ergebnis:
Das echte Foto gewann den KI-Wettbewerb.
Die Jury lobte es als großartiges KI-Werk.
Erst später stellte sich heraus, dass es völlig real war – worauf man es disqualifizierte. Ein unfreiwilliger Beweis dafür, wie sinnlos der Versuch ist, Kunst anhand ihrer Entstehungsmethode zu bewerten.
Kunst war nie ein Detektivspiel.
Und das Gegenteil: Ein KI-Bild gewinnt einen Fotowettbewerb
Beim renommierten Vienna International Photo Award (Viepa) gewann 2025 in der Kategorie Porträt ein Bild, das vollständig KI-generiert war. Der italienische Teilnehmer Roberto Corinaldesi reichte ein schwarz-weißes Porträt mit Katze ein, das die Jury einstimmig beeindruckte (Quelle).
Die Jury wusste, dass das Bild KI war – und zeichnete es trotzdem aus. Warum?
„Für uns geht es ums Bild. Wenn das Werk beeindruckt, ist das bildgebende Mittel zweitrangig.“ – Eric Berger, Leiter der LIK Akademie
Seine wichtigsten Aussagen:
- Kreativität beginnt beim Prompten.
- KI ist längst Teil professioneller Fotografie.
- Fotografen, die KI ignorieren, werden „stehen bleiben“.
- Die Branche verändert sich – verschwindet aber nicht.
Selbst zur oft diskutierten Urheberfrage äußert er sich klar:
„In dem Moment, wo ich ein Werk prompte, bin ich der Urheber.“
Diese beiden Fälle – das echte Foto, das einen KI-Wettbewerb gewinnt, und das KI-Bild, das einen Fotowettbewerb gewinnt – zeigen die Absurdität der aktuellen Debatte:
Wir beurteilen Kunst nicht nach Qualität, sondern nach Etiketten.
KI ist längst Teil der Filmindustrie – ohne dass es jemand merkt
Während online noch hitzig diskutiert wird, ob KI „echte Kunst“ sei, ist sie in Hollywood längst Alltag. Und zwar nicht erst seit gestern.
Moderne Filmproduktionen nutzen KI bereits für:
- Audio-Restauration (z. B. das Entfernen von Störgeräuschen)
- Upscaling alter Aufnahmen
- Face-Cleaning und digitales „Make-up“
- automatische Stabilisierung und Farbanpassung
- Stunt-Previsualisierung (KI generiert Bewegungsabläufe)
- Digital Doubles zur Sicherheit für Schauspieler
- Hintergrundgenerierung und Crowd-Simulationen
Viele dieser Techniken gelten nicht als „KI“, weil sie so tief in den Workflow integriert sind, dass niemand mehr darüber spricht.
Pikant daran:
Wenn KI im Hintergrund arbeitet, ist sie akzeptiert.
Wenn KI sichtbar wird, ist sie „böse“.
Ein schönes Beispiel ist die Restaurationsarbeit von Peter Jacksons Team – das gleiche System, das John Lennons Stimme trennte, wurde zuvor für den Dokumentarfilm „Get Back“ entwickelt, um jahrzehntealtes Filmmaterial zu retten.
Auch hier: kein Aufschrei. Kein Protest. KI wurde gelobt, weil sie etwas möglich machte, das vorher als unmöglich galt.
Die Filmbranche zeigt bereits jetzt, wie KI als Werkzeug funktioniert: Sie erweitert, sie schützt, sie restauriert – sie ersetzt nicht die Kunst. Von KI-gestütztem De-Aging über automatische Rotoskopie bis hin zu Crowd-Simulationen ist sie längst fester Bestandteil moderner VFX-Workflows (Überblick dazu).
Die echten Probleme der KI
Natürlich gibt es Risiken:
- Deepfakes
- Fake-Stimmen
- politische Manipulation
- Identitätsmissbrauch
Diese Probleme entstehen aber nicht durch Kunst, sondern durch Machtmissbrauch. Technologien brauchen Regeln – nicht Angst.
Die eigentliche Frage
Es geht nicht darum, ob KI Kunst ist.
Es geht nicht darum, ob KI gefährlich ist.
Es geht nicht darum, ob KI kreativ sein kann.
Die wahre Frage lautet:
Wollen wir eine Kultur, die Neues sofort bekämpft – oder eine, die Neues versteht und nutzt?
Die Menschheit hat immer dann Fortschritt gemacht, wenn sie neugierig war – nicht ängstlich.
KI ist keine Bedrohung.
KI ist eine Einladung.
Und wir entscheiden, ob wir hineingehen – oder vor der Tür stehen bleiben.
Also, habt keine Angst vor KI!
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