Warum 2025 noch so viel davon läuft – und wieso „abschalten & neu schreiben“ selten funktioniert.
Kurzfassung (TL;DR)
COBOL wurde 1959 für kaufmännische Prozesse entwickelt und treibt bis heute zentrale Systeme bei Banken, Versicherungen und Behörden. Ersetzen ist teuer und riskant, die Systeme sind stabil, der Standard wurde 2023 sogar aktualisiert – also: kein Museumsstück, sondern „kritische Infrastruktur in grau“. Schätzungen zur Menge variieren stark (200–800+ Mrd. Zeilen Code); Modernisierung passiert oft häppchenweise (APIs drumherum, Re-Hosting, Refactoring), nicht als „Big Bang“.
Warum COBOL überhaupt noch lebt
1) Stabilität schlägt „hip“
Zahlreiche COBOL-Programme verrichten seit Jahrzehnten zuverlässig Kernaufgaben: Buchungen, Auszahlungen, Abrechnungen. Behörden-Audits zeigen regelmäßig, dass kritische Alt-Systeme (oft mit veralteten Sprachen) weiterlaufen – und Modernisierungsschritte schleppend sind. Wer mitten im Flugbetrieb den Motor tauscht, muss sehr gute Gründe haben.
2) Ersetzen ist teuer, riskant – und dauert
Große Monolithen bestehen aus zig Millionen Zeilen und laufen auf Mainframes mit hochoptimierten Batch-Prozessen. Das Risiko von Ausfällen und die Migrationskosten sind real – weshalb viele Organisationen „umschließen statt umschreiben“ (APIs, Re-Hosting, Teil-Refactoring). Fallstudien zeigen gelungene Migrationen, aber stets mit jahrelanger Vorbereitung und iterativer Vorgehensweise.
3) Mainframes sind keineswegs tot
Mainframes bleiben dort attraktiv, wo es um massive Transaktionsraten, Verfügbarkeit und Sicherheit geht. Wirtschaftspresse und aktuelle Unternehmenszahlen zeigen: Die Plattform wird sogar mit AI-Funktionen weiterentwickelt – und verkauft sich.
Fakten & Zahlen – mit Vorsicht genießen
- Wie viel COBOL gibt es?
Seriöse Schätzungen gehen weit auseinander. Reuters wurde jahrelang mit ca. 220 Mrd. Zeilen zitiert (2017). Spätere, anbieterfinanzierte Umfragen sprechen sogar von 800+ Mrd. Zeilen in Produktion. Nimm solche Zahlen als Größenordnung, nicht als exakte Zählung. - Wie „wichtig“ ist COBOL in Finanz/Behörden?
Viele Zitate (z. B. „95 % der ATM-Transaktionen“) stammen aus Vendor-Umfragen/Marketing und sind nicht unabhängig überprüfbar. Aussagekräftig ist: Unternehmen betrachten ihre COBOL-Anwendungen als strategisch und modernisieren eher schrittweise als durch Komplett-Ablösung.
Merke: Es gibt viel COBOL – wie viel genau ist umstritten. Wichtig ist die Abhängigkeit kritischer Prozesse, nicht die absolute Zahl.
2020: COBOL in den Schlagzeilen (und was wirklich dahinter steckte)
Während der Pandemie kollabierten in den USA Teile der Arbeitslosen-IT unter Antragsfluten. Medien suchten den Schuldigen im „Steinzeit-COBOL“. Fachartikel legten nahe: Engpässe lagen eher an Ressourcen/Architektur und kurzfristigen Gesetzesänderungen – nicht an der Sprache selbst. IBM und das Open Mainframe Project riefen parallel eine Initiative ins Leben, um COBOL-Know-how schneller zu vermitteln und Teams zu vernetzen.
Kein Fossil: Der COBOL-Standard 2023
COBOL ist normiert (ISO/IEC 1989:2023) – und die aktuelle Ausgabe 2023 ergänzt u. a. asynchrones Messaging (SEND/RECEIVE) sowie weitere Modernisierungen. Das zeigt: Der Standard lebt, auch wenn Implementierungen ausgewählte Features nach und nach aufnehmen.
Moderne Wege mit altem Code: Was tun Organisationen praktisch?
1) Umhüllen (Expose via API)
Bestehenden Batch/Online-Code nicht anfassen, sondern per Services zugänglich machen. Vorteil: schnelle Wirkung für Frontends/Mobile, minimales Risiko.
2) Re-Hosting
COBOL-Workloads von proprietären Plattformen auf modernere Umgebungen heben, Geschäftslogik bleibt erhalten. Behördenberichte und Fallstudien zeigen deutliche Batch-Performance-Gewinne nach Migration – bei überschaubarem Risiko.
3) Refactoring/Re-Engineering
Schrittweise Strangulation des Monolithen (z. B. Module extrahieren, Datenhaltung modernisieren). Aufwendig, aber nachhaltiger.
4) Rebuild („Big Bang“)
Alles neu – fachlich oft verlockend, operativ am riskantesten (Kosten, Dauer, Parallelbetrieb, Migrationsfehler). Deshalb selten.
Tooling & Ökosystem 2025
- Enterprise-Compiler & Toolchains
Aktuelle IBM-COBOL-Compiler für z/OS werden aktiv gepflegt (z. B. V6.x, Migrationsleitfäden) – inkl. Optimierungen, Analyse-Tools und Interop. - Open Source: GnuCOBOL
Ein freier Compiler (GnuCOBOL), der große Teile von COBOL 85/2002/2014 abdeckt – beliebt für Ausbildung, Prototypen, Hilfstools. - Nachwuchs & Training
Das Open Mainframe Project COBOL Programming Course bietet einen offenen, praxisnahen COBOL-Kurs samt Webinaren – genau um den Skill-Gap zu adressieren.
Mythbusting – drei häufige Missverständnisse
- „COBOL ist das Problem.“
Meist sind es Architektur, Schnittstellen, fehlende Kapazität oder Governance – nicht die if-Statements. - „Mainframes sind tot.“
Nein. Es gibt starke Nutzung und neue Generationen von Systemen – teils mit AI-Beschleunigung. - „Einmal neu bauen, dann ist Ruhe.“
In der Praxis siegt inkrementelle Modernisierung. Studien und Cases stellen Modernisierung (statt Abriss) als risikoärmer dar.
Fazit
COBOL ist vielleicht nicht „cool“, aber definitiv kritisch. Ohne diese Sprache würden heute noch keine Gehälter überwiesen, keine Sozialleistungen ausgezahlt und keine Kernbank-Systeme laufen. Genau deshalb bleibt sie auch 2025 relevant.
Die spannende Frage ist also nicht „COBOL vs. modern“, sondern: Wie binde ich alte Systeme clever ein, ohne dass alles abraucht? APIs, Re-Hosting und Refactoring sind hier die Zauberworte – flankiert von Training und automatisierten Tests.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet sogar heute noch passende COBOL-Bücher (bezahlter Link), die zeigen, wie diese Sprache funktioniert – und warum sie auch nach über 60 Jahren noch nicht verschwunden ist.
Der ISO-Standard 2023 beweist: Selbst uralte Technologie kann weiterentwickelt und sinnvoll betrieben werden – wenn man weiß, wie.
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